IGeL

Meine Meinung dazu

Als IGeL – Individuelle Gesundheitsleistungen – werden inzwischen vielfältige diagnostische und therapeutische oder präventive Leistungen angeboten, die von den Gesetzlichen Krankenkassen nicht übernommen werden und daher von der Patientin/dem Patienten selbst zu finanzieren sind. Viele dieser Angebote scheinen auf den ersten Blick einen Nutzen zu versprechen, auch wenn es sich bei einer diagnostischen Leistung nur um einen Erkenntnisgewinn über ein mögliches Gesundheitsrisiko ohne therapeutische Konsequenzen handelt. Ich stehe aus folgenden Gründen dem Angebot von IGeL sehr kritisch gegenüber:

 

Als Hausarzt stehe ich unmittelbar an der Seite unserer Patienten und deren Familien, daher bin ich in besonderem Maß Anwalt einkommensschwacher und anderweitig bedürftiger Menschen.

 

Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) müssen gesondert bezahlt werden und sind somit nicht für alle verfügbar. Sie suggerieren, das System der Gesetzlichen Krankenversicherung garantiere nur eine Art Billig- Medizin - für das Gute müsse man jedoch extra zahlen. Dieser Eindruck wird dadurch noch verstärkt, daß erwiesenermaßen unwirksame Therapien wie z.B. Vitamin-Infusionen als "Manager-Infusionen" angeboten werden.

 

Wer arm ist und das Geld dafür nicht aufbringen kann, muss den Eindruck bekommen, von einer vollwertigen Versorgung ausgeschlossen zu werden.

Dies stimmt nicht !


Ich lehne eine weitere Medikalisierung der Gesellschaft ab. Die Vermeidung von chronischen Krankheiten als wichtiges Ziel hausärztlicher Betreuung zieht sich wie ein roter Faden durch eine an evidenzbasierten Leitlinien orientierten Medizin. Wissenschaftlich nicht begründete IGeL-Angebote zementieren hingegen eine Fixierung der Patienten auf körperliche Leiden und führen zu oder verstärken eine Chronifizierung.

IGeL-Angebote erzeugen eine eigene Nachfrage und können eine vertrauensvolle Arzt-Patient-Beziehung gefährden - vor allem dann, wenn der Patient sich nicht mehr sicher sein kann, ob es seinem Arzt um die Lösung der gesundheitlichen Probleme oder um eine zusätzliche Einkommens-Quelle geht. Durch das Auftreten des Arztes als Kaufmann wird dem professionellen Arztbild, zu dem auch finanzielle Unabhängigkeit in der Entscheidungsfindung für den Patienten gehört, grundlegender Schaden zugefügt.

 

Hausärztliche Behandlung soll Angst verringern, nicht erzeugen.

 

Ich verurteile daher Bemühungen, harmlose Symptome zu Krankheiten aufzublähen bzw. gar Krankheiten zu erfinden und in dieser Situation wissenschaftlich ungesicherte bzw. nie untersuchte Behandlungsmaßnahmen anzubieten. Untersuchungen zur Krebs-Früherkennung sollen nur dann propagiert werden, wenn ihre Durchführung dem Patienten einen Nutzen bringt - oder aber, wenn sich die Patienten nach ergebnisoffener Aufklärung dafür entscheiden.

 

Ich unterstütze die Verbreitung einer Medizin, deren Nutzen wissenschaftlich belegt ist. Werden IGeL angeboten, für die kein Nutzen belegt ist oder die sogar schaden können, kommt ein besonderes ethisches Problem hinzu: Hier müsste der ratsuchende Patient obligate Informationen über mögliche Schäden oder fehlenden Nutzennachweis erhalten. Aufgrund der kommerziell bedingten Konfliktlage ist kaum zu erwarten, dass ärztliche Anbieter eine solche Auskunft tatsächlich erteilen.

 

Spezielle ärztliche Leistungen mit wissenschaftlichem Nutzen, wie z.B. die Beratung vor Fernreisen oder sportmedizinische Tauglichkeitsuntersuchungen wurden seit jeher von der Gesetzlichen Krankenversicherung nicht übernommen. Diese Angebote können und sollen nachfragende Patienten jedoch auch weiterhin erhalten.

 

Ich unterstütze aktiv Bemühungen solche wissenschaftlich sinnvollen Leistungen in den Katalog der Gesetzlichen Krankenversicherung aufzunehmen !

 

Aus ethischen Gründen erscheint es nicht akzeptabel, wenn

 

  • IGEL-Leistungen dem Patienten aufgenötigt werden,
  • im Fall der Ablehnung mit direkten oder indirekten Sanktionen gedroht wird,
  • IGeL-Leistungen ohen klaren Nutzenbeleg als Weg aus der Bedrohung empfohlen werden,
  • Angestellte einer Praxis für den Verkauf von IGeL-Leistungen belohnt werden,
  • Patienten suggeriert wird, die Gesetzliche Krankenversicherung biete nur eine schlechte Medizin an, während gute Qualität ausschließlich auf dem Wege individuell zu bezahlender Leistungen erzielt werden könne.

Bitte zögern Sie auch nicht uns persönlich mit Ihren Fragen anzusprechen !